Freie Nationalisten führen in Bad Nenndorf "Trauermarsch" durch
Am 2. August führten Angehörige der rechtsextremistischen Szene in Bad Nenndorf zum dritten Mal seit 2006 einen "Trauermarsch" zum Gendenken an deutsche Gefangene durch, die in den Jahren 1945 bis 1947 im örtlichen Wincklerbad interniert waren. Das Motto der Veranstaltung lautete "Gefangen, Gefoltert, Ermordet - damals wie heute - Besatzer raus". Anmelder des "Trauermarsches" waren Angehörige der Freien Kräfte aus dem Bereich Schaumburg/Ostwestfalen-Lippe.
Die Teilnehmerzahl von ca. 400 Rechtsextremisten aus Niedersachsen und den angrenzenden Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Hamburg bedeutet eine deutliche Steigerung gegenüber den Vorjahren, als sich 110 (2006) bzw. 170 Rechtsextremisten an der Gedenkveranstaltung beteiligten. Den Abschluss des generalstabsmäßig geplanten und durchgeführten Aufzugs bildete ein aus 70 Personen bestehender schwarzer Block Autonomer Nationalisten. Reden hielten die Freien Nationalisten Thomas WULFF (Mecklenburg-Vorpommern), Christian MÜLLER (Nienstädt), Andreas BIERE (Sachsen-Anhalt), Sven SKODA und Ralph TEGETHOFF (beide Nordrhein-Westfalen) sowie Constant KUSTERS, Mitglied der niederländischen rechtsextremistischen Nationalen Volksunion (NVU).
Ein Aufeinandertreffen mit den ca. 220 Gegendemonstranten, darunter 170 Linksextremisten, konnte durch den unterschiedlichen Streckenverlauf der Aufzüge und die Präsenz der polizeilichen Einsatzkräfte verhindert werden.
Missbilligende Kommentare seitens der Freien Kräfte lösten die kurzfristigen Absagen der als Redner vorgesehenen NPD-Vorstandsmitglieder Andreas MOLAU und Udo PASTÖRS aus. Das Fehlen der Spitzenfunktionäre bringt das strategische Dilemma der NPD zum Ausdruck. Einerseits bemüht sie sich um ein bürgerliches Erscheinungsbild, andererseits ist sie auf die Zusammenarbeit mit den Freien Nationalisten angewiesen und damit der Gefahr ausgesetzt, in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt zu werden, insbesondere dann, wenn sich ein schwarzer Block Autonomer Nationalisten an einer Demonstration beteiligt.
Hintergrund:
Die Freien Nationalisten sind bestrebt, die ehemalige Internierungsstätte in Bad Nenndorf zu einem Symbol für an Deutschen verübtes Unrecht aufzubauen. Unter Berufung auf Berichte des Journalisten Ian Cobain in der britischen Tageszeitung The Guardian bezeichnen sie das Wincklerbad als Folterlager, in dem deutsche Gefangene systematisch misshandelt und zu Tode gequält worden seien. In der Tat ist es im Wincklerbad zu schweren Misshandlungen gekommen. Offizielle Anweisungen hierfür gab es jedoch nicht. Viele britische Wachsoldaten standen unter dem Eindruck der schrecklichen Bilder, die sich ihnen bei der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen geboten hatten. Bestimmend für ihr Handeln dürfte auch die Furcht vor nationalsozialistischen Untergrundkämpfern, den so genannten Wehrwölfen, gewesen sein.
Die Zustände in Bad Nenndorf, die zwar zu Ermittlungen der britischen Behörden, aber zu keinen Verurteilungen führten, bildeten die Ausnahme in der britischen Besatzungszone. Rechtsextremisten behaupten das Gegenteil. Sie bewerten das Verhalten der Wachsoldaten als exemplarisch für die britische Politik gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschen Reich, um in revisionistischer Absicht deutsche und alliierte Kriegsverbrechen gegeneinander aufzurechnen.
