Entwicklung und Ursachen
Die aktuelle Diskussion in Politik, Medien und weiterer Öffentlichkeit zeugt von einem großen Erschrecken weiter Teile der Gesellschaft darüber, in welchem Umfang und in welchen Formen sich rechtsextremistisches Denken und Handeln in Deutschland breit gemacht und verfestigt hat. Auslöser dieser Diskussion waren dabei insbesondere eine Reihe von brutalen Angriffen auf Bürger ausländischer Herkunft oder auch auf andere Minderheiten.
Im Rückblick auf die mehr als 60jährige Geschichte der Bundesrepublik muss jedoch konstatiert werden, dass die Entwicklung der Demokratie nie frei von Gefährdungen durch Rechtsextremisten war. Geändert haben sich allerdings Intensität, Erscheinungsformen und viele Ursachen dieser Gefahr.
Zunächst haben alte, aus der Zeit des Nationalsozialismus reichende Kader und Einflussstrukturen aus dem Nationalsozialismus versucht, auch in der jungen Demokratie wieder Fuß zu fassen und das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Viele von ihnen hatten sich in der "Sozialistischen Reichspartei" (SRP) neu formiert und es gelangen ihnen mit dieser Partei erste Wahlerfolge bei Landtagswahlen. Doch mit den Instrumenten der "Wehrhaften Demokratie" konnte eine weitere Verfestigung verhindert werden: Die SRP wurde 1952 vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig verboten.
In den folgenden eineinhalb Jahrzehnten spielte der organisierte Rechtsextremismus kaum noch eine politische Rolle, die demokratischen Institutionen und eine bei den Bürgern verankerte demokratische politische Kultur konnten sich ohne nennenswerte Angriffe von Rechtsaußen entwickeln. Erst in der zweiten Hälfte der 60er Jahre gelang es der 1964 gegründeten Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), an den Einfluss und auch an die Wahlerfolge der SRP anzuknüpfen. Nachdem sie bei der Bundestagswahl 1969 knapp scheiterte, verlor sie jedoch rasch an Bedeutung.
Wiederum folgten etwa eineinhalb Jahrzehnte demokratischer Weiterentwicklung, in denen Rechtsextremisten wenig Einfluss und Aufmerksamkeit hatten. Eine sozialwissenschaftliche Studie von 1981 ("Sinus-Studie") belegte jedoch, dass viele Merkmale rechtsextremistischen Denkens in Teilen der Bevölkerung (immerhin mehr als 10 Prozent) noch immer präsent waren. Erklärt wurde dieser Befund nicht nur mit dem Fortdauern "ewiggestriger" Vorstellungen, sondern auch mit dem Hinweis darauf, dass es in Gesellschaften mit schnellen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungen immer auch Teilgruppen gibt, die sich von der Entwicklung überrollt und benachteiligt fühlen, und darauf mit einfachen und autoritären Denkmustern und Forderungen reagieren.
Ende der 80er Jahre wurde mit den ersten Wahlerfolgen von DVU und Republikanern erneut offensichtlich, dass solche politischen Tendenzen in Deutschland (vergleichbares galt und gilt allerdings auch für das Aufkommen "rechtspopulistischer" Parteien in anderen europäischen Ländern) vorhanden sind. Mit der Wiedervereinigung, die das Thema "Nation" veränderte, schwächte sich die Bedeutung dieser Parteien aber wieder ab.
Stattdessen bekam der Rechtsextremismus seit Beginn der 90er Jahre ein neues und besonders böses Gesicht. Eine Welle fremdenfeindlicher Gewalt forderte viele Menschenleben und erzeugte ein Klima von Angst und Schrecken. Zwar konnte die Zahl der Gewalttaten nach 1993 wieder zurückgedrängt werden, die Potenziale der Gewalt sind jedoch nach wie vor ungebrochen.
Wesentliche Ursache hierfür ist die erschreckende Tatsache, dass fremdenfeindliches und rechtsextremistisches Denken stärker als früher Resonanz bei jungen Menschen gefunden hat. Dies belegen sowohl sozialwissenschaftliche Untersuchungen über politische Einstellungen in der Bevölkerung als auch repräsentative Wahlstatistiken. Es gibt erstmals wieder eine identifizierbare rechte "Jugendkultur", die zudem besonders gewaltbereit ist.
Die Ursachen hierfür sind vielfältig und nicht in einfachen Erklärungsmustern zu fassen. In der Forschung ist jedoch unstrittig, dass insbesondere Jugendliche aus den unteren Mittelschichten und mit einfacheren Bildungsabschlüssen gefährdet sind. Ihre sozialen Bindungen sind oft brüchig geworden und viele von ihnen finden im Alltag nicht die Zugehörigkeit und Anerkennung, die sie sich wünschen. Hier bieten rechtsextremistisches Denken und schließlich die entsprechenden Gruppen und Freizeitaktivitäten ein Kompensationsangebot. Vor dem Hintergrund einer Welt, die im Zuge der wirtschaftlichen "Globalisierung" immer undurchsichtiger wird, haben nationale Machtphantasien und Ressentiments gegen Fremde Konjunktur.