Was Sie tun können!
In der Bahn, im Bus:
Leider ist die Situation schon fast alltäglich: In der Bahn, im Bus usw. wird jemand angegriffen, erniedrigt, verletzt. Oft sind die Mitfahrenden schockiert oder eingeschüchtert und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Dennoch können Sie einiges tun:
Fordern Sie den/die Fahrer/in auf, die Polizei zu rufen. Er/sie ist verpflichtet, dies zu tun. Sonst kann er/sie wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden. Wenn Sie nicht direkt zum/zur Fahrer/in gelangen können, rufen Sie Mitfahrenden im vorderen Bereich laut zu :"Der Fahrer soll die Polizei informieren." Sie können andere Mitfahrende auffordern, mit Ihnen laut zu pfeifen und zu rufen :"Hört auf, hört auf!" Anfangs machen dabei wenige, dann in der Regel immer mehr mit. Jetzt wird die Situation für Gewalttäter/innen riskant, weil sie unüberschaubar und unberechenbar ist. Sie scheuen das Risiko und versuchen wahrscheinlich, sich vom Ort des Geschehens zu entfernen. Je nach Sachlage und Situation können Sie auch den/die Fahrer/in auffordern, die Türen abzusperren, so dass sich die Täter/innen nicht entfernen können, bis die Polizei kommt. Es ist wichtig, möglichst viele Mitfahrende direkt anzusprechen und in die Verantwortung zu nehmen - um so stärker ist die Wirkung gegenüber den Angreifern/innen.
In der Kneipe:
Sie bekommen mit, wie einige Personen über andere Gäste herziehen, sie beleidigen oder angreifen. Oder die Personen fangen an, rassistische Sprüche und Witze zu machen. Wenn jemand versucht, die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigen sie möglicherweise mit einem zackig gebrüllten "Heil Hitler", wer in dieser Kneipe das Sagen hat. Möglicherweise werden sie sogar gewalttätig und fangen an, Gäste von denen sie glauben es seien Ausländer/innen, anzupöbeln.
Holen Sie Hilfe! Bitten Sie andere Gäste, gleichzeitig mit mehreren aufzustehen. Stellen Sie sich, wenn Sie eine deutliche Mehrheit sind, zwischen oder um die Randalierenden und fordern Sie sie gemeinsam auf, aufzuhören. Gehen Sie zum/zur Wirt/in oder zu Gästen mit Handy und fordern Sie dazu auf, die Polizei zu rufen. Der/die Wirt/in hat die Pflicht, Straftaten im Lokal zu verhindern. Wenn er/sie dieses Verhalten seiner/ihrer Gäste duldet, kann ihm/ihr die Lizenz entzogen werden. Sie können die Polizei selbst anrufen und vor der Gaststätte auf sie warten. Da können Sie in Ruhe erklären, was passiert ist.
In der Fußgängerzone:
Lassen Sie sich in rassistischen oder gewalttätigen Situationen nicht provozieren! Gewalt entsteht oft, weil ein Wort das andere ergibt. Duzen Sie die Angreifer/in nicht. Andere Passanten könnten leicht einen rein privaten Konflikt vermuten. Übernehmen Sie die Regie, sprechen Sie anderen Anwesende direkt oder persönlich an :"Hallo, Sie da im grünen Mantel, bitte helfen Sie mir, rufen Sie sofort die Polizei!" Wenn dieser Passant/in darauf reagiert, dann ist meist der Knoten geplatzt und der sogenannte Schneeballeffekt tritt ein. Jetzt können Sie auch andere Passanten/innen aktivieren. Für die Randalierenden wird die Situation jetzt schwierig. Sie sind überrascht, denn bisher war ihre Erfahrung, dass die Menschen gleichgültig oder verschüchtert reagieren.
Wichtig: Eine Anzeige, polizeiliche Ermittlungen und Gerichtsverfahren bringen den Täter/innen erhebliche Unannehmlichkeiten und zusätzliche Schwierigkeiten. Gewalttäter/innen müssen wissen, dass sie für ihre Untaten zur Rechenschaft gezogen werden. Die Polizei ist rund um die Uhr da: am schnellsten über den Notruf 110.
Bei Schlägereien:
Wenn Kinder, Jugendliche oder Erwachsene sich schlagen, schlagen Sie Alarm, machen Sie Krach, stellen Sie die Öffentlichkeit (aus sicherer Entfernung) her. Machen Sie andere auf die Schlägerei aufmerksam und schicken Sie sie los, um Hilfe oder die Polizei zu holen. Gewalttäter/innen haben Angst, wieder erkannt und zur Rechenschaft gezogen zu werden. Also sprechen Sie sie direkt an (wenn Sie einen Namen gehört haben) oder benennen Sie deutliche Wiedererkennungsmerkmale :"Sie mit der Stirnglatze, wir kennen Sie, hören Sie auf..., wir haben die Polizei gerufen..." Viele Kinder und Jugendliche behaupten, zur Rede gestellt, "alles wäre nur ein Spaß" gewesen. Sie werden schnell nachdenklich, wenn Sie die vorausgegangene "Gewalt" beim Namen nennen können: "Dann lassen Sie mal den Arm sehen, den roten Fleck (die blutende Lippe, das blaue Auge, die zerrissene Hose usw.), nennen Sie das einen Spaß? Ich nenne das Körperverletzung..." (und schon sind Sie in der Offensive).
In der Öffentlichkeit:
Reagieren Sie, wenn Sie Zeuge von rassistischen Beschimpfungen und erniedrigenden Witzen werden. Widersprechen Sie laut und deutlich. Lassen Sie nicht zu, dass in Gesprächen über Ausländer/innen oder Flüchtlinge eine verhetzende Sprache gebraucht wird. Weisen Sie daruf hin, dass niemand ohne Not seine Heimat verlässt und die Fluchtursachen sehr vielfältig sind. Lassen Sie Leute aus Zuwandererfamilien und Flüchtlinge zu Wort kommen und schaffen Sie Gelegenheiten, in denen Deutsche und diese sich begegnen und verständigen können. Wenden Sie sich mit Leserbriefen gegen rassistische Aktionen und diskriminierende Berichterstattungen in der Zeitung. Setzen Sie sich in solchen Briefen für ein friedliches Zusammenleben der Bevölkerung ein. Fordern Sie die Abgeordneten Ihres Wahlkreises auf, sich eindeutig gegen Gewalt und Rassismus zu wenden. Politiker/innen haben Vorbildfunktion. Wenden Sie sich an die Medien, wenn diese eine Sprache oder Bilder verwenden, die Diskriminierung fördern, erzeugen oder billigen. Tun Sie die Ängste und Probleme, die Menschen in Ihrer Nähe mit "Ausländer/innen" haben, nicht einfach ab. Greifen Sie die Ängste und Probleme auf und versuchen Sie, diese mit Sachargumenten zu entkräften. Jemand, der Angst, Bedenken oder Probleme hat, verhält sich deswegen noch nicht zwangsläufig rassistisch. Stellen Sie Strafanzeige oder wenden Sie sich an Antidiskriminierungsbüros, wenn Sie mitbekommen, dass in Ihrer Umgebung rechtsextremistische Lieder, Computerspiele, Zeitschriften, Propaganda usw. kursieren. Informieren Sie die verantwortlichen Parteien und Poilitiker/innen in Ihrer Stadt über solche Beobachtungen.
Wenn Sie selber bedroht oder angegriffen werden
Vorbereiten!
Bereiten Sie sich auf mögliche Bedrohungssituationen seelisch vor: Spielen Sie Situationen für sich allein und im Gespräch mit anderen durch. Werden Sie sich grundsätzlich klar darüber, zu welchem persönlichen Risiko Sie bereit sind. Es ist besser, sofort die Polizei über den Notruf 110 zu alarmieren und Hilfe herbei zu holen, als sich nicht für oder gegen das Eingreifen entscheiden zu können und gar nichts zu tun.
Ruhig bleiben!
Panik und Hektik vermeiden und möglichst keine hastigen Bewegungen machen, die reflexartige Reaktionen herausfordern könnten. Wer "in sich ruht", ist kreativer in seinen Handlungen und wirkt meist auch auf andere Beteiligte beruhigend!
Aktiv werden!
Wichtig ist, sich von der Angst nicht lähmen zu lassen. Eine Kleinigkeit zu tun ist besser, als über große Heldentaten nachzudenken. Wenn Zeuge/in von Gewalt sind: Zeigen Sie, dass Sie bereit sind, gemäß Ihren Möglichkeiten einzugreifen. Ein einziger Schritt, ein kurzes Ansprechen, jede Aktion verändert die Situation und kann andere dazu anregen, ihrerseits einzugreifen.
Verlassen Sie die Ihnen zugewiesene Opferrolle!
Wenn Sie angegriffen werden: Flehen Sie nicht und verhalten Sie sich nicht unterwürfig. Seien Sie sich über Ihre Prioritäten im Klaren und zeigen Sie deutlich, was Sie wollen. Ergreifen Sie die Initiative, um die Situation in Ihrem Sinne zu prägen: Schreiben Sie Ihr eigenes Drehbuch!
Kontakt halten zum/r Angreifer/in!
Stellen Sie Blickkontakt her und versuchen Sie, Kommunikation herzustellen bzw. aufrecht zu erhalten.
Reden und zuhören!
Teilen Sie das Offensichtliche mit, sprechen Sie ruhig, laut und deutlich. Hören Sie zu, was Ihr/e Gegner/in bzw. Angreifer/in sagt. Aus seinen/ihren Antworten können Sie Ihre nächsten Schritte ableiten.
Nicht bedrohen oder beleidigen!
Machen Sie keine geringschätzigen Äußerungen über den /die Angreifer/in. Versuchen Sie nicht, ihn/sie einzuschüchtern, ihm/ihr zu drohen oder Angst zu machen. Kritisieren Sie das Verhalten, aber werten Sie ihn/sie nicht ab (Klar in der Sprache - mäßig im Ton).
Hilfe holen!
Sprechen Sie nicht eine anonyme Masse an, sondern einzelne Personen. Dies gilt sowohl für das Opfer als auch für Zuschauer/innen. Sie sind bereit zu helfen, wenn jemand anderes den ersten Schritt macht oder sie persönlich angesprochen werden.
Unerwartetes tun!
Fallen Sie aus der Rolle, seien Sie kreativ und nutzen Sie den Überraschungseffekt zu Ihrem Vorteil aus.
Körperkontakt vermeiden!
Wenn Sie jemandem zu Hilfe kommen, vermeiden Sie es möglichst, den/die Angreifer/in anzufassen, es sei denn, Sie sind in der Überzahl, so dass Sie jemanden beruhigend festhalten können. Körperkontakt ist in der Regel eine Grenzüberschreitung, die zu weiterer Gewalt führen kann. Wenn nötig, nehmen Sie lieber direkten Kontakt zum Opfer auf.
Aktives gewaltfreies Verhalten ist erlernbar!
Indem wir uns unsere Ängste und Handlungsgrenzen bewusst machen, erfahren wir gleichzeitig auch mehr über den Bereich, der zwischen diesen Grenzen liegt. Oft unterschätzen wir die Vielfalt unserer Möglichkeiten. In Rollenspielen und konkreten Übungen zum Umfang mit direkter Gewalt kann man neue kreative Antworten auf Konfliktsituationen entdecken.
Gewalt- und Rassismus-Deeskalations-Trainings bieten diese Chance, bisher ungewohntes Verhalten auszuprobieren, einzuüben und auf seine Wirkungen hin zu überprüfen.
Im Kindergarten und in der Schule
Sie können Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer fragen, wie sie sich für Verständigung einsetzen und was sie gegen Gewalt und Rassismus unternehmen. Gleiches gilt für Elternbeiräte, Klassenpflegschaften, Schulkonferenzen und Schüler/innenvertretung.
Im Betrieb und bei der Arbeit
Diskutieren Sie mit Kollegen/innen, ob und wie sie bei Vorhaben zur Verständigung helfen können. Sie können Betriebsvereinbarungen gegen Diskriminierung im Betrieb durchsetzen oder nutzen Sie die Betriebszeitung, um über das Leben und die Geschichte von Leuten aus Zuwandererfamilien und Flüchtlingen zu berichten. Sie können Solidaritätsaktionen unterstützen und darüber berichten.
6 Regeln für den Ernstfall
- Ich helfe, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen.
- Ich fordere andere aktiv und direkt zur Mithilfe auf.
- Ich beobachte genau und präge mir Täter-Merkmale ein.
- Ich organisiere Hilfe unter dem Notruf 110.
- Ich kümmere mich um Opfer.
- Ich stelle mich als Zeuge zur Verfügung.
Bin ich immer zur Hilfe verpflichtet?
Natürlich sind Sie nicht nur moralisch, sondern auch dem Gesetz nach zur Hilfe verpflichtet (§ 323c StGB - Unterlassene Hilfeleistung). Voraussetzung für eine strafrechtliche Belangung wegen "unterlassener Hilfeleistung" ist, dass man bei Unglücksfällen, Gefahr und Not nicht tätig wird, obwohl es erforderlich und zumutbar gewesen wäre. Zumutbar bedeutet ohne eine ehrhebliche eigene Gefahr.
Zivilcourage ist die Antwort auf das alltägliche Verletzen der Menschenwürde. Eine demokratische Gesellschaft lebt vom Einsatz ihrer Mitglieder für ihre Werte.
In der Familie werden die Grundlagen für die Werteorientierung gelegt. Wo Toleranz, Achtung voreinander, Solidarität und gewaltfreie Konfliktbewältigung im Kleinen gelingen, ist das Ermutigung, sie auch im Großen erreichen zu wollen.